Zwei "Die-sah-ich-noch-nie-"Rindenpilze" - von denen einer ein resupinater Porling ist"

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  • Hallo allerseits,

    Mitte Februar fand ich im Mischwald ganz im Südwesten an einem liegenden Kiefern-Totholz (2 längere Stammstücke) viele Zentimeter an pilzlichen Belägen. Aus der Distanz wirkte das cremefarben-gelblich, grünlich am Rande. Die Poren waren mit bloßem Auge nicht erkennbar, bzw. nur für Kurzsichtige ohne Brille - also für mich.


    Der Pilz ist sehr dünn (maximal 1mm dick). Manchmal neigt er dazu, die Röhren schräg zu verlängern. Der Randbereich ist sehr "undefiniert" (im frischen Zustand etwas "wattig"). Der Pilz ist nicht ablösbar. Mit KOH reagiert ein leicht bräunlich.

    Die Poren sind nachgemessen wirklich sehr fein, ca. 7 pro mm.


    In FoTE komme ich mehr oder weniger auf die Gattung Sidera. Optisch und nach makroskopischer Beschreibung sehr ähnlich finde ich Sidera vulgaris (cf.) (Gemeiner Kristallknorpelporling).

    Das klingt nach einer "häufigen" Art, aber mir ist trotzdem noch nie etwas Ähnliches aufgefallen.






    Ein Tag später, Stück ist 10 cm lang






    ... P I L Z E ... können unterirdisch, "unterirdisch", oberirdisch oder "überirdisch" sein.  :S 




  • Dann noch etwas Hübsches (je nach Geschmack ;) ), ebenfalls Mitte Februar nach Regennacht an Birken-Totholz, da befand sich ein weißlicher Belag ohne Poren.


    Edit: das ist ein ziemlich dicker Ast (könnte ich noch nachmessen)





    Da es im Wald aber schon so aussah, habe ich die weiteren Bilder am nächsten Tag zu Hause gemacht.




    Es handelt sich um einen wachsartigen Belag, feucht und frisch sieht man eine hellgraue, leicht gallertige Schicht. Darauf bildet sich ein weißer Überzug, am Rande etwas spinnwebartig. Der Belag entwickelt eine etwas warzige Oberfläche, auf der aber per stark vergrößender Ultranah-Aufnahme noch einzelne Fasern zu erkennen sind.

    Wenn der Pilz eintrocknet, ist die gallertige Schicht nicht mehr feststellbar.

    Dafür sieht man eine leichte Gilbung an manchen Stellen.

    Trocken ist er mit etwas Vorsicht durchaus ablösbar. Die Schicht ist dann ca. 0,5 mm dick.


    Ein Tag später








    Im frischen Zustand tritt keine Milch aus, er schmeckt nicht bitter und riecht nur (angenehm) "pilzig" ohne fruchtige, süßliche oder

    sonstige Geruchskomponenten, die man mit Nicht-Pilzigem vergleichen könnte.


    In FoTE komme ich damit auf die Gattung Gloeocystidiellum, bzw. noch allgemeiner auf den "Gloeocystidiellum-Komplex". Ich bleibe "hängen" bei Gloeocystidiellum porosum (cf. bzw. sehr ähnlichen Arten), dem Strohfarbenen Saftzystidling.


    Was meint ihr, stimmt die ungefähre Einordnung?


    Von allen 4 RiPi sind bei Interesse Proben vorhanden, ich bewahre jedenfalls von allen etwas auf.


    FG abeja

    ... P I L Z E ... können unterirdisch, "unterirdisch", oberirdisch oder "überirdisch" sein.  :S 




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  • abeja

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  • Hallo Andreas,

    danke für deine Einschätzung.


    Diese Pilze als "Rindenpilze" zu bezeichnen, war tatsächlich eine unpräzise, umgangssprachlich verallgemeinernde Formulierung. Da hast du völlig recht. Es passte nur so gut zu meiner verspielten Abkürzungs-Schöpfung. ;)


    Über meine mal mehr, mal weniger vorhandene Motivation, mir solche Pilze anzuschauen und auch hier einzustellen - denn ein Forum lebt von Beiträgen - hatte ich hier in diesem Thread schon mal geschrieben und an anderer Stelle Ähnliches, da ging es um Phytos.


    Hinter „Fungi of Temperate Europe" steht m. M. unter anderem die Idee, dass bei sehr gut ausgeprägten Pilzen in frischem Zustand mit sehr genauer makroskopischer Beobachtung sehr oft eine Einordnung auf Gattungsniveau bzw. Artengruppe bzw. Eingrenzung auf 2-3 sehr ähnliche, aber weniger verwandte Pilze möglich sein sollte.

    Ich bin davon überzeugt, dass das bei einer großen Anzahl von Pilzarten auch gut funktioniert - während andere scheinbar schon den bloßen Versuch so vorzugehen, für vermessen und absolut sinnfrei halten.


    Hier der zweite Pilz ist jetzt nicht mehr so gut ablösbar. Byssomerulius corium kenne ich eigentlich ganz gut, den Randbereich vor allem, die Fruchtschicht, die sich ausbildenden Hutkanten mit ihrer Oberfläche ...

    Gallertig ist doch da nichts? Ich glaube, den hier mit sehr großer Sicherheit ausschließen zu können.


    FG abeja

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  • Hallo abeja,


    da gebe ich Dir vollkommen recht. Ich finde es trotzdem schwierig, sich da makroskopisch einzuarbeiten, wenn man hinterher nicht die Kontrollmöglichkeit über die Mikroskopie hat um zu sehen, ob es denn gestimmt hat.

    Den Byssomerulius nehme ich zurück, da habe ich mich von dem einen Bild täuschen lassen, aber die anderen sehen in der Tat nicht nach B. corium aus.


    beste Grüße,

    Andreas

  • Hallo Andreas,

    ich muss dir auch schon wieder völlig recht geben, bei meinen Versuchen fehlt letztendlich die Synthese zwischen Makroskopie und Mikroskopie.

    Bei vielen Arten ist ja inzwischen auch noch das „dritte Standbein“ erforderlich, um mehr sagen zu können als „s.l.“ und „Agg.“. Insofern ist die letzte Bestimmungs-Sicherheit in vielen Bereichen den Profis und Semi-Profis vorbehalten, mich stört das allerdings überhaupt nicht.


    Bei mir sprechen schon die ganze Zeit ein Bündel von hier nicht weiter auszuführenden Gründen gegen eine Vertiefung mit Mikro, aber ich habe das niemals für die Zukunft ausgeschlossen. Vielleicht kommt der „Tag X“, wo auch ich die o.g. Synthese angehe ... sinnvollerweise wahrscheinlich nicht gleich mit resupinaten Porlingen und Rindenpilzen. Da komme ich doch jetzt noch sehr „ins Schleudern“, wenn ich auf Mikro-Bildern z.B. monomitisch, dimitisch, tri … oder pseudo … versuche nachzuvollziehen. Jedenfalls habe ich von manchen Funden immer schon mal ein Pröbchen aufbewahrt, u. a. zu diesem Zweck und ich schaue mir bei vielen Artvorstellungen auch die Mikrobilder an.


    Andererseits habe ich oft den Eindruck, dass manche Leute bei der Mikroskopie einsteigen, die in vielen Bereichen makroskopisch noch gar nicht sehr sattelfest sind. Das merkt man dann, wenn von ihnen Bestimmungsvorschläge bei Anfragen per Foto kommen. Oder dass z. B. ein Porling gefunden wird, so gut wie kein Arbeitstitel vorhanden ist und versucht wird, alles über die Mikroskopie zu erledigen. Eine solche Herangehensweise wäre mir völlig fremd. Ich hätte eine Hypothese und eventuell Alternativen dazu im Kopf und würde erst einmal bewusst nach deren Merkmalen suchen. Aber jede Vorgehensweise funktioniert vielleicht im Endeffekt.


    Möglicherweise speichern viele der fortgeschrittenen, sehr oft mikroskopierenden Pilzler den visuellen Eindruck des Präparates und des Mikrobildes im Oberstübchen eindrücklicher ab als die Makroskopie - und dies geschieht ganz automatisch, weil damit viel mehr Zeit verbracht wird?

    Weil ich mich so sehr auf die Makroskopie stürze, kann ich kaum einschätzen, ob Fotos/ Detailfotos für andere grob zuordenbar sind oder gar nicht. Ich selbst kann m.M. nach besser einen x-beliebigen Pilz „schubladisieren“ als in einem Forum einschätzen, ob an einem meiner Themen - was auch immer es ist - was aber meistens in irgendeiner Form eine Frage enthält, überhaupt jemand interessiert ist oder nicht. Ich weiß nicht, ob a) keine Reaktion kommt, weil es zu trivial/ banal ist oder ob b) ein kurzes „Kann man nicht sagen" kommt oder c) ein gut gemeintes Like oder ob d) sich das Thema entfaltet zu einer Sache, wo mehrere Personen profitieren können und wo der Beitrag über Jahre (!) auch sehr viele Aufrufe, z. B. über Suchergebnisse erhält. Vor jedem Themenstart bin ich von Zweifeln geplagt (o.k., das ist etwas übertrieben ;) ).

    Man kann in Foren aber sowieso immer Überraschungen erleben, nicht nur bei der Pilzbestimmung.


    Der weiße Rindenpilz übrigens, wo mir im feuchten Zustand diese Gallerte als unterste Schicht aufgefallen war, zeigt dies nur in einem sehr kurzen Zeitfenster, Dauerregen mal ausgeschlossen. Das, was so eigentümlich erscheint, sieht 2–3 Tage später viel anonymer aus. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn man da vom Foto her auch an ähnliche weiße Pilze denkt. Die Art muss eine starke Weißfäule verursachen. Der Ast - so dick wie ein schmales Handgelenk - war einfach durchbrechbar. Jetzt habe ich da mit einem Messer gestochert, er ist schon ganz weich, obwohl er noch berindet ist.


    Anekdötchen am Rande: ich hatte 5 Pröbchen (auch noch Antrodia xantha, cf-frei) auf meinen verglasten Balkon auf einen Tisch gelegt, vorsichtshalber auf ein beschriftetes Blatt Papier. Jetzt, bei dem windigen Wetter öffnete ich ein Fenster - und mit einem „Wusch“ war alles weg.

    Nein, nicht weg, nur zerstreut auf dem Boden. Ach, du Sch...reck! Trotzdem war die Wiederzuordnung eindeutig möglich, jede Art trocknete auf ihre eigene Weise ein ... und das hatte ich mir einen Tag vorher schon mal angeschaut - zum Glück! 8)


    FG abeja

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    Edited 2 times, last by abeja: ein "ist" vergessen ().

  • Hallo abeja,


    klar, nicht jeder hat Zeit, Lust, Kapazitäten sich mit dem Mikroskopieren abzugeben, das ist völlig legitim. Ob man aber ubedingt vorher makroskopisch topp sein muss, um sich ans Mikroskopieren zu machen, das wage ich in Zweifel zu ziehen. Ich kenne genügend Leute (auch) aus meinen Kursen, die mehr oder weniger parallel anfangen, sich also sowohl mikroskopisch als auch makroskopisch gleichzeitig in die Pilze einarbeiten. Funktioniert auch.

    Die Art muss eine starke Weißfäule verursachen. Der Ast - so dick wie ein schmales Handgelenk - war einfach durchbrechbar. Jetzt habe ich da mit einem Messer gestochert, er ist schon ganz weich, obwohl er noch berindet ist.

    Diese Schlussfolgerung würde ich so nicht ziehen, normalerweise sind Corticiaceen keine besonders starken Fäuleerreger. Ich würde da eher denken, dass ein bereits weißfauler Ast besiedelt wurde. Bei Buchenästen hat man das z.B. oft, dass die vom Zunderschwamm weißfaul sind und jede Mange Zeugs drauf wächst, was aber eben nur drauf wächst aber nicht die Zersetzung selbst hervorgerufen hat.


    beste Grüße,

    Andreas

  • Hallo Andreas,

    klar, alles ist möglich - es gibt ja wirklich Naturtalente.

    Quote

    Aber jede Vorgehensweise funktioniert vielleicht im Endeffekt.


    Den Hinweis, dass die Weißfäule vielleicht schon vorher da war und von einem anderen Befall verursacht wurde, finde ich sehr gut - danke! Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Leider kann ich das da nicht überprüfen. Die Birken stehen oben unerreichbar an einem steilen Hang und sehen nicht sehr gut aus. Sie sind möglicherweise schon abgestorben, vor 2 oder 3 Jahren waren sie noch lebendig. Inzwischen sind da Äste abgebrochen - ob bei einem Sturm oder wie lange schon, das ist mir nicht bekannt. Die Äste liegen zum Teil am Weg ganz unterhalb der Böschung und man erkennt von unten zumindest keine großen Porlinge an den stehenden Stämmen.


    FG abeja

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