Nadelwald-Anhängselröhrling besonders geschützt?

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  • Hallo,


    mir ist bei der Durchsicht der Positivliste für Speisepilze aufgefallen, dass der Nadelwald-Anhängselröhrling als besonders geschützt gekennzeichnet ist.

    In Anlage 1 der Bundesartenschutzverordnung wird nur der Anhängselröhrling (Boletus appendiculatus Schff. ex Fr.) aufgeführt. Ist es dann tatsächlich der Fall, dass beide Arten unter Schutz stehen, da sie früher nicht unterschieden wurden?

    Praktisch relevant ist das Thema in der Beratungspraxis zwar kaum, da die Arten bei uns nicht vorkommen, aber es würde mich interessieren.

    Viele Grüße,


    Thiemo

  • Hallo Thiemo,


    da die Eintragungen in der Bundesartenschutzverordnung von 1986 sind, gibt es da keine Unterscheidungen. Die Artenliste wurde allein von den Behörden aufgestellt. Orientierung gab wohl die damals frische "Rote Liste " für BW. Auch erzieherische Aufgaben flossen mit ein. Bei einer eventuellen Aktualisierung dürfte man sicher mit großen Nachteilen für uns rechnen. Da sollten wir lieber die Füße still halten.


    Beste Grüße

    Stefan

  • Hallo Stefan,


    danke für deine Antwort. Dann wurde die Sachlage vom Fachausschuss Pilzverwertung und Toxikologie so bewertet, dass die beiden Arten auch rein rechtlich zusammengefasst betrachtet werden.


    Von Berufswegen kann ich einen Vergleich zum Betäubungsmittelgesetz ziehen. Was dort nicht dem Wortlaut nach in einer der Anlagen steht, ist grundsätzlich erst mal nicht verboten. Daher sind komplett neue Drogen im Sinne von Rauschgift zunächst sogar legal, bis der Staat durch seine stetigen Aktualisierungen nachregelt. In Konsequenz daraus hätte ich den Nadelwald-Anhängselröhrling als nicht geschützt eingestuft. Soviel nur zu meinem Gedankengang.


    Das die Maßnahmen für Fruchtkörperschutz nicht zielführend sind ist wiederum ein ganz anderer Punkt. Ich stimme dir daher zu, dass wir lieber nicht auf eine Aktualisierung hinarbeiten sollten, da das nur in weiteren Sammelverboten endet, die nicht mal etwas für den gedachten Zweck bringen.


    Viele Grüße


    Thiemo

  • Hallo Stefan,


    der Argumentation kann ich nicht folgen, Boletus subappendiculatus wurde 1979 beschrieben. Es gibt eine Referenzliste für die verwendete Taxonomie in der Bundesartenschutzverordnung, da ist kein mykologisches Werk dabei. Ich weiß nicht ob es im Rahmen der Sorgfaltspflicht eines gewöhnlichen Pilzsammlers ist, zu überlegen welche Artauffassung die Behörden damals vertreten haben. Sicher, wie Thiemo schon geschrieben hat ist es für die Praxis eher irrelevant.


    Da es praktisch kaum behördlichen Pilzschutz gibt, frage ich mich was diese großen Nachteile sein könnten. Wenn die Behörden anerkennen würden, dass die Pilze ein eigenes Reiche bilden und nicht mehr nur von "Tieren und Pflanzen" gesprochen wird, wäre vlt. mehr gewonnen als Steinpilze und Pfifferlinge auf einer Liste zu haben die die wenigsten Pilzsammler kennen.


    Beste Grüße

    Kai

  • Hallo,


    ich fürchte, das die Liste der besonders geschützten Arten wesentlich verlängert werden würde und weitere Gattungen nicht mal zur Bestimmung entnommen werden dürfen. Mir geht es nicht um die Einschränkungen bei den Speisepilzen.


    Beste Grüße

    Stefan

  • Hallo,


    die Nachteile für uns alle wäre, dass bei einer Neufassung der Bundesartenschutzverordnung die Gefahr besteht, dass eine Gesetzgebung wie in den Niederlanden erfolgen könnte: Nichts ist erlaubt. Punkt. Weder Pilze noch Beeren noch Blumen noch irgendwas darf der Natur entnommen werden. Was natürlich auch für Hobbymykologen dann gilt und sich nicht nur auf Speisepilze bezieht. Wir alle bräuchten dann also eine Ausnahmegenehmigung, und ob die so problemlos zu bekommen wäre?

    Diese durchaus realistische Gefahr bestünde laut Bundesamt für Naturschutz. Man kann auch nicht alleine die Pilze in der BArtSchV ändern. Wenn dort etwas geändert werden soll, dann muss das Gesamtpaket Artenschutzverordnung novelliert werden. Davor schreckt man beim BfN aber zurück, da eine Novellierung gleichbedeutend mit Ausgaben und auch mit Folgekosten (für zusätzliche Bestandskontrollen, wie bei FFH-Arten z.B.) wäre und man eben befürchtet, dass aus Kostengründen das zuständige Ministerium zur einfachsten Lösung greifen könnte.


    Was Nomenklatur betrifft, so sehe ich das eigentlich eher wie Stefan. Zumindest die inzwischen in andere Gattungen kombinierten Arten sollten weiterhin geschützt sein, auch wenn sie jetzt nicht mehr Boletus oder Hygrocybe heißen. Ob aber z.B. die Ellerlinge (Cuphophyllus) mitgemeint sind, wenn die BArtSchV von "Hygrocybe" spricht, ist natürlich strittig. Auch ob unter "Boletus edulis" auch der Sommer-Steinpilz zu verstehen ist. Im Handel wird da nicht unterschieden, da kommt unter der Bezeichnung "Steinpilz - Boletus edulis" auch Ware aus China auf den Markt ohne dass das beanstandenswert wäre.


    beste Grüße,

    Andreas

  • Guten Morgen,


    Danke für deine Meinung hierzu, Andreas. Und du hast auch gleich weitere Beispiele, wie den Sommersteinpilz genannt, wo die gleiche Unklarheit besteht. Hier waren die Ersteller der Positivliste aber nicht so konsequent und haben keinen Vermerk zum Schutzstatus wie beim Nadelwald-Anhängselröhrling angebracht.


    Eigentlich sollte zumindest in 2022 klar sein, dass Pilze nicht wie Pflanzen zu schützen sind und Sammelverbote gerade hier noch weniger bringen. Aber bei Behörden weis man ja nie…


    Viele Grüße,


    Thiemo

  • Hallo an alle,


    was in der BArtSchV gemeint ist, ist keineswegs strittig.

    Es ist, wie in jeder guten deutschen Verordnung, genau geregelt: in Anlage 1, §1, Nr. 7:


    Quote

    7. Die Taxonomie der in den Anlagen genannten Tier- und Pflanzenarten richtet sich nach folgenden Werken, soweit die Arten dort aufgeführt sind:

    [...]

    Bundesamt für Naturschutz (1996): Rote Liste gefährdeter Pflanzen Deutschlands. - Schriftenreihe für Vegetationskunde, Heft 28, Bonn-Bad Godesberg.

    [...]

    Das bedeutet, dass sich die aktuelle BArtSchV in der Nomenklatur der Arten nach der Artauffassung der Roten Liste von 1996 richtet.

    Dort werden die Anhängselröhrlinge nicht getrennt. Folglich sind alle Anhängselröhrlinge streng geschützt.


    Im Gegensatz dazu ist der Sommersteinpilz nicht in der BArtSchV Anlage 1 aufgeführt, und daher nicht unter besonderem Schutz.


    Gruß,



    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    danke für die Aufklärung.

    Allerdings ist mir eine Rote Liste der Pilze 1996 nicht bekannt - ich kenne nur die von 1992 (NaBu & DGfM). Ist denn 1996 nochmal eine erschienen? Oder ist das eine interne Liste die nicht veröffentlicht wurde?

    Aber in der Roten Liste 1992 sind beispielsweise weder Boletus edulis noch aestivalis aufgeführt, weil das ja keine Checkliste ist. Ich kann also aus der Roten Liste (1992) nicht schließen, wie die Artauffassung zu dieser Zeit gewesen ist. Dass Boletus subappendiculatus nicht in der Roten Liste aufgeführt ist kann ja auch darin begründet sein, dass die Art damals als nicht gefährdet angesehen wurde. Der Rückschluss, sie müsse in appendiculatus enthalten sein, ist m.E. nicht zulässig.


    beste Grüße,

    Andreas