Waldartenliste deutscher Pilzarten?

  • Hallo alle miteinander,


    ich bin neu hier im Forum und auch nur für diese Frage hier, es geht um meine Masterarbeit.

    Das Thema an sich hat mit Pilzen nichts direkt zu tun, sondern mit dem Einfluss von Waldstrukturen auf bodenlebende Arthropoden, aber in der Einleitung thematisiere ich Wälder und ihre Artenvielfalt.


    Für die Gefäßpflanzen, Moose und Flechten gibt es eine schöne Waldartenliste, die den Anteil von obligatorischen und fakultativen Waldarten im Vergleich zur Gesamtartenzahl in Deutschland zeigt:

    https://www.bfn.de/sites/default/files/BfN/service/Dokumente/skripten/skript299.pdf


    Generell leben mehr Arten von Tieren und Pflanzen in Offenlandhabitaten, ich glaube aber, dass Pilze da einen Kontrast bilden und mehr Arten ausschließlich in und an Wäldern vorkommen müssten. Zahlen dazu konnte ich aber nicht finden und meine ehemalige Mykologie-Professorin Meike Piepenbring kannte auch keine und hat mich auf dieses Forum verwiesen.


    Kennt jemand hier Publikationen, Schätzungen oder Listen, die das Thema Waldpilze in Deutschland oder Bindung an Bäume mit Zahlen angeben?


    Falls so etwas nicht existiert, würden mich auch persönliche Schätzungen interessieren, da sich hier vermutlich alle User mehr mit Pilzen beschäftigen als ich. Persönliche Schätzungen sind zwar nicht zitierbar, aber wären auch interessant für mich, um mich einen Schritt besser mit dem Thema auszukennen.


    Viele Grüße,

    Stephan Kleinfelder

  • Hallo Stephan,


    es gab ein Projekt PilzOek von Prof. Besinsky

    PILZOEK


    Dort sind unter anderem die Zuordnung der damals aus Deutschland bekannten Pilzarten zu Habitaten in einer Datenbank hinterlegt, genau um Fragestellungen wie diese zu beantworten.


    Ob sich das alte DBase-basierte Programm noch auf einem modernen Rechner installieren lässt, oder ob man eine virtuelle Maschine mit Windows XP aufsetzen muss, müsste man ausprobieren. Die Daten dazu sind jedenfalls frei herunterzuladen. Die Suche auf der Webseite hat ein Umlaut-Problem, was gerade bei Habitaten mit "-wälder" fatal wird.


    Ansonsten würde Bresinsky sich vermutlich freuen, wenn auf seine alten Tage noch jemand was mit den Daten anfangen kann.


    Grüße,


    Wolfgang

  • Ergänzung:

    in der Rhön-Arbeit (Regensburger Mykologische Schriften 12, 2004) hat Lothar Krieglsteiner zu jeder Pflanzengesellschaft im Text auch die Anzahl an dort gefundenen Pilzarten aufgeführt. Falls PilzOek nicht zum Erfolg führt, wäre das eine zitable Quelle. Allerdings ist es nicht so einfach, die Artenzahlen zu addieren, denn es gibt ja Arten, die sowohl im Luzulo-Fagetum wie im Fichtenforst wachsen.


    Wolfgang

  • Vielen Dank für die Antwort!


    Das Programm konnte leider nicht ausgeführt werden, da es nicht mit 64bit kompatibel ist. Auf der Website wird es auch kompliziert, da in genauere Lebensraumtypen untergliedert wird.

    Ich beziehe mich auf Wälder allgemein und im genaueren Abschnitt dann auf den Bayerischen Wald, dazu gibt es dann aber eigene Quellen.


    Ich schau mal noch in die Rhön-Arbeit rein, vielleicht lässt sich da ja mit ein bisschen Aufwand etwas herausarbeiten, wenn nicht bleibt der Pilz-Abschnitt einfach etwas allgemeiner.

  • Hallo Stephan,

    das Prblem wird schon sein, die beiden Gruppen "Waldpilze" und "keine Waldpilze" zu definieren. Es dürfte nur sehr wenige Arten von Offenlandgesellschaften geben, die nicht auch unter bestimmten Umständen im Wald vorkommen könnten. So wirst Du nahezu alle Saftlingsarten auch in bestimmten Waldgesellschaften finden können. Wie grenzt Du ein grasiges Gebiet im Wald ab? Was ist mit Mooren: Sind die Offenland solange keine Bäume mit dabei sind und im Einflussbereich aufkommender Fichten ist es dann Wald? Was ist mit Parks mit Solitärbäumen oder an Wald angrenzende Wiesen - wird da der Steinpilz zum Wiesenpilz?


    Ich glaube, obligatorische Waldarten gibt es ebenso wenig wie obligatorische Offenlandarten, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Und selbst fakulatativ wird sich nicht so einfach bewerten lassen in manchen Fällen.


    Man könnte vielleicht von "wood-associated" sprechen, was dann alle Mykorrhiza-Pilze und alle Holzbewohner gemeinsam meint und das dann eventuell als obligate Waldbewohner definieren. Für diese Fragestellung könntest Du vielleicht die Bände "Großpilze Baden-Württembergs" auswerten, die es allerdings nicht digital gibt. Für unsere Publikation "City life of mycorrhizal and wood-inhabiting macrofungi: Importance of urban areas for maintaining fungal biodiversity" (PURAHONG et al. 2022) wurde eine vergleichbare Auswertung gemacht, vielleicht geht über diesen Ansatz was?

    beste Grüße,

    Andreas

  • Hallo Andreas,


    danke für die Hilfe, ich schau mal in die Publikation rein ob da was dabei ist.


    Für die Gefäßpflanzen, Moose und Flechten lief die Definition glaube ich darüber, ob die Arten ausschließlich im und am Wald gefunden wurden (obligatorisch), überhaupt mal im Wald gefunden wurden (fakultativ) oder nie im Wald gefunden wurden (keine Waldart).

    Für Wirbeltiere habe ich das selbst mit Büchern auswerten können, da gibt es aber natürlich deutlich weniger als Pilze. Offenlandflecken im Wald, Parks mit ein paar Bäumen oder Moore habe ich da nicht zu den Wäldern gezählt, bei mobilen Tieren ist das aber auch nochmal etwas anders auszuwerten als bei überwiegend sessilen Pflanzen und Pilzen.


    Aber eine Zahl totholzbewohnender Pilze wäre natürlich auch spannend, da diese ja überwiegend in Wäldern vorkommen müssten, das gleiche mit Mykorrhizapilzen an Bäumen.


    Edit: In dem paper sind auf jeden Fall schonmal ein paar interessante Informationen drin, die ich auch zitieren kann, beispielsweise die Wichtigkeit der Fagaceae und Pinaceae

  • Hallo Stephan,

    Aber eine Zahl totholzbewohnender Pilze wäre natürlich auch spannend, da diese ja überwiegend in Wäldern vorkommen müssten, das gleiche mit Mykorrhizapilzen an Bäumen.

    eben nicht unbedingt, genau das haben wir ja eigentlich im dem City Life paper demonstrieren wollen. Die Frage war dort ja "wieso gibt es in Jena über 1000 wood associated Pilze obwohl vor 250 Jahren in dem Gebiet sämtlicher Wald abgeholzt war?". Und die These ist, dass die Pilze im Stadtgebiet überlebt haben aufgrund der kleinparzelligen Besitzverhältnisse, die wiederum auf eine hohen Diversität an ökologischen Nischen schließen lässt. Zumindest für die Holzbewohner ist das m.E. sehr plausibel. Ob man das so auch für die Mykorrhizapilze annehmen kann, hängt vermutlich von den ökologischen Umständen ab. Dickröhrlinge werden sich in Parks/Friedhöfen sehr gut halten können, vermutlich alle Buchen-/Eichenbegleiter, aber ob das Fichtenbegleiter wie Wiesel-Täubling z.B. auch können?


    beste Grüße,

    Andreas

  • [...]

    eben nicht unbedingt, genau das haben wir ja eigentlich im dem City Life paper demonstrieren wollen. Die Frage war dort ja "wieso gibt es in Jena über 1000 wood associated Pilze obwohl vor 250 Jahren in dem Gebiet sämtlicher Wald abgeholzt war?".

    [...]

    Also ich meinte damit, dass alle xylobionten und mykorrhizabildenden Pilze AUCH in Wäldern vorkommen können müssten, das klang vorher glaube ich sehr zweideutig - also fakultative Waldbewohner sind.

    Da früher 99% der Fläche Deutschlands Wälder waren und Einzelbäume in Offenlandhabitaten eher Ausnahmen gewesen sein dürften, müssten alle Pilze, die auf Bäume angewiesen sind, ja zwangsläufig auch in oder an Wäldern gelebt haben, so kam ich darauf.

    Dass viele Arten später aus Wäldern in Offenland oder synanthrope Lebensräume gewandert sind, ist bei Pflanzen und Tieren auch üblich, darum soll es aber nicht gehen, sondern um die auch in Wäldern vorkommen könnenden Arten, die laut Studie ja dann mindestens 90% aller Pilze ausmachen müssten.


    Ist das soweit richtig oder steht da doch etwas im Gegensatz zur Studie?

  • Hallo Stephan,


    ja, fakultative Waldbewohner sind die xylobionten und Ektomykorrhizabildner auf jeden Fall.


    Ob die 90% aller Pilze ausmachen wage ich etwas anzuzweifeln, erscheint mir zu hoch gegriffen. So viele der kleinen Ascomyceten und auch die meisten Phytoparasiten sind an krautige Pflanzen gebunden, die in Offenlandgesellschaften zu Hause sind. Ob die insgesamt wirklich nur 10% ausmachen? Vielleicht überschätze ich deren Zahl aber auch.


    beste Grüße,

    Andreas

  • Hallo Andreas,


    da habe ich glaube ich einen Denkfehler gehabt, die 90% hatte ich nämlich wegen folgendem Satz des Abstracts:

    (ii) a few common forest tree genera (Fagaceae and Pinaceae) hosted 90% of the total and red-list fungal species detected in this study

    Aber in der Studie wurden ja nur basidiomycete macrofungi aufgenommen, richtig?

    Das heißt insgesamt wird die Zahl dann wohl bei unter 90% liegen, da viele Phytoparasiten, wie Rostpilze und was es da alles noch gibt, auch ohne Bäume zurecht kommen.

  • Hallo Stephan,


    nee, wenn Du Dich auf unsere City-Life-Studie beziehst, dann sind da ja von vorne herein nur tree-associated fungi berücksichtigt worden. Und von denen aus unserer Studie - also den aus Jena nachgewiesenen tree-associated fungi - sind 90% mit Bäumen der Fagaceae und Pinaceae vergesellschaftet (zumindest auch mit denen, muss nicht exklusiv nur mit denen sein).


    beste Grüße,

    Andreas

  • Hallo zusammen,

    verstehe ich das Thema "Waldpilz-Arten" wohl nicht so ganz? Nur als Beispiel: Heinz Engel hat an Linden 400 Arten nachgewiesen. Linden findet man aber überall. Wie viele Bäume, Pflanzen kommen nur in Wäldern mit ihren "Pilz-Arten" vor? Mehr Tier u. Pflanzen-Arten=mehr Pilz-Arten, auf Dung, unter Wasser ..., so ist meine Meinung.

    Das ist aber nur meine Meinung, nicht "Wissen"! :?:

    Viele Grüße

    Hans

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