Frühlingsmix 3 - Pfiffis im Detail und unklare "clitocyboide Nicht-Pfiffis"

  • Hallo allerseits,


    Fortsetzung von Frühlingsmix 1 und Frühlingsmix 2


    Am Freitag habe ich wieder den Waldfriedhof (Ortsteil von Rheinfelden, Dinkelberg, ca. 380 m Höhe) aufgesucht:

    gemischter Baumbestand: Rot-Eichen, Buchen, Kiefern, Fichten ua., mit moosigem Gras dazwischen - eigentlich kalkhaltig, aber zumindest teilweise oberflächlich versauert.

    Bei Buchen und Eichen leuchteten winzige Pfifferlinge - eigentlich noch nicht erntereif.

    Da sich aber dieses schwarze Monster (Limax cineroniger - Schwarzer Schnegel) zielstrebigst und unaufhaltsam näherte, habe ich doch zugegriffen.



    12 Stück!!! 27 Gramm !!! - aber lecker.


    Zu Hause habe ich bei Kunstlicht von den Winzlingen ein paar Detailaufnahmen gemacht, vor allem wegen der "Leisten-oder-Lamellen-Problematik", obwohl hier noch kaum Leisten vorhanden waren ....





    Ansonsten war wieder nicht viel (Infundibulycybe gibba, Ockerbrauner Trichterlinge, zwei Exemplare Amanita porphyria (Porphyrbraune Wulstlinge) in Miniformat und mit abbrechendem Stiel und so etwas) .... bis auf den folgenden Fund, bei dem ich mir den "Kopf zerbrochen" habe.


    Ein paar FK (Größe von ca. 1,5 cm - 6 cm Hutdurchmesser) standen auf der moosigen Wiese in der Nähe eine Rot-Eiche, Kiefern nicht weit weg.

    Von Weitem dachte ich: "Oh, da sind ja noch mehr Pfifferlinge, schon größer - und vielleicht eine andere Art, die mit Schüppchen???"



    Von Nahem passte das farblich nicht - und vor allem war die Konsistenz überhaupt nicht pfifferlingsartig, sondern (nach Regen mit Wasser vollgesogen) eher zäh, flexibel.

    Der Hutrand war auch beim größten Pilz noch eingerollt, wurde wellig, nirgends gerieft oder gerippt.

    Die rötlich-braune Oberfläche ist matt (keinesfalls speckig), scheinbar mit Härchen durchsetzt.

    Die helleren Bereiche sind nicht abwischbar, keine Bereifung, anscheinend auch nicht hygrophan.

    Die Lamellen waren weiß bis cremefarben (werden beim Trocknen "apricotfarben") und sind sehr stark herablaufend.

    Sie wirken von Nahem dicklich, nahezu leistenartig, sie sind jedoch leicht ablösbar/ verschiebbar, hier und da einmal gegabelt, aber auch deutlich mit Lamelletten am Hutrand untermischt.

    Der Stiel hat eine festere Außenhaut, innen wirkt er etwas wattiger und schrumpft dort auch beim Trocknen. Er ist deutlich zugespitzt, die äußeren Fasern bräunen beim Trocknen etwas.

    Es waren keine auffälligen Rhizomorphen vorhanden.

    Der Geruch war vor Ort in feuchtem, frischen Zustand nach Regen nichtssagend/ neutral pilzig.




    Sporen über Nacht: wenig, sie sehen aber sehr weiß aus (Zusammenschieben ging nicht).

    keine Verfärbung der Sporen mit Melzers Reagenz, d.h. inamyloid, auch nicht dextrinoid

    keine Verfärbung der Hutoberfläche mit KOH


    Detailaufnahmen daheim und Überlegungen zum Fund im nächsten Beitrag.

    ... P I L Z E ... können unterirdisch, "unterirdisch", oberirdisch oder "überirdisch" sein.  :S 




  • Detailaufnahmen bei Kunstlicht (und automatischem Weißabgleich). Der Teller ist aber minimal "warmweißer" als mein "kühler" Laptopbildschirm es jetzt anzeigt.









    Hutoberflächen am nächsten Tag bei natürlichem Licht




    Mit den eindeutigen Lamellen kann man ja Cantharellus-Arten komplett ausschließen.


    Verglichen habe ich mit Falschen Pfifferlingen, Hygrophoropsis spec. (var. albida oder mit den hellen, anderen Arten wie pallescens/ macrosporus). Bei den helleren Arten passt der Standort nicht, sie sollen eher in sumpfigem Gelände bei Sphagnum vorkommen. Bei allen Hygrophoropsis-Arten stimmen aber die Farben (nach Bildvergleich) nicht und vor allem sind die Lamellen anders.

    Bei Hygrophoropsis gabeln sich die Lamellen immer deutlich, oft mehrfach vom Stiel aus gesehen - und auf keinem Bild sieht man zusätzlich untergemischte Lamellen am Hutrand. Die Sporen von Hygrophoropsis-Arten sollten dextrinoid sein.


    Verglichen habe ich mit diversen "clitocyboiden" Pilzen, d.h. Lepista, Paralepista, Clitocybe, Infundibulycybe etc., sowie mit Ellerlingen, Cuphophyllus spec.


    Paralepista flaccida (und mit Abstrichen auch gilva) meine ich gut zu kennen. Die Hutoberfläche wäre "speckig", glatt, nicht mit so wirren Härchen. Die Sporenpulverfarbe und der Schnitt durch den FK passen auch eher nicht.


    Infundibulicybe gibba und costata sehe ich auch eher häufig, da gefallen mir auch "formale" Aspekte und Farben nicht gut. Die dunkleren Infundibulycybe-Arten (costata und squamulosa) sollen mit KOH auf der Huthaut dunkelbraun werden, das ist hier nicht der Fall.


    Andere Lepista-Arten hätten keine so hellen Sporen.

    Rhizocybe (kenne ich noch nicht) hätte neben anderen abweichenden Merkmalen deutliche Rhizomorphen und auf Bildern einen komplett anderen Lamellenansatz.

    Bei den inamyloiden Clitocybe-Arten finde ich auch nichts.


    Paralepistopsis amoenolens könnte ja einwandern, über die Grenze aus der Schweiz. Aber ein stark blumiger Geruch - wie süße Risspilze, wie Jasmin - war nicht vorhanden. Außerdem soll der Hut dort jung abwischbar bereift sein und im Alter am Rand gerippt.


    Bei Elleringen, Cuphophyllus spec. stehen die Lamellen dort deutlich weiter und die Huthaut ist auch anders.


    Ich bleibe jetzt immer bei der sehr seltenen Art Aphroditeola olida hängen.

    Diese Art wurde früher zu Hygrophoropsis gestellt, als Hygrophoropsis olida bzw. morganii, aber ist damit gar nicht näher verwandt und soll im Gegensatz zu Hygrophoropsis spec. nicht-dextrinoide Sporen haben. Aphroditeola steht sogar aktuell in einer eigenen Familie innerhalb der Agaricales, während die Hygrophoropsis-Arten zu den Boletales gehören.


    Wenn man viele Bilder vergleicht und Beschreibungen liest, sieht das eigentlich ganz gut aus - wenn auch farblich oft eher hell-rosalich als rot-bräunlich: Lamellen sehr herablaufend, hell, hier und da gegabelt, aber am Rand auch deutlich untergemischt, Hutoberflächenbeschaffenheit, Stielform, Sporen weiß, inamyloid.

    Ganz großes ABER sind aber der Geruch, der hier nicht (bzw. s.u.) vorhanden war und eventuell auch der Standort. Die Art wird als Nadelwaldart beschrieben, wobei man allerdings nie weiß, wie flexibel Pilze sind, die selten gefunden werden. Den Fundort könnte man durchaus mit einer Lichtung im Mischwald vergleichen.


    Was den Geruch betrifft: nach einem Tag fangen die Stückchen, die ich etwas abgedeckt zum Aussporen ausgelegt habe, leicht an zu duften.

    Der Geruch ist aber nicht intensiv, jedoch durchaus ein wenig "fruchtig-süßlich". Aphroditeola wird beschrieben mit "im frischen Zustand wie reife Walderdbeeren" oder "Hubba-Bubba-Kaugummi". Es könnte in die Richtung gehen - aber wie gesagt - sehr schwach. Die vollkommen trockenen Stiel-Stückchen riechen weiterhin nach gar nichts.

    Ich las, dass die Art beim Trocknen deutlich "chemisch" - also noch stärker und dann eher unangenehm - "müffeln" soll.


    Möglicherweise ist das ja ein "Kill-Merkmal", aber ich finde keine Alternative.

    Vielleicht habe ich ja etwas übersehen?

    Tipps werden dankend angenommen!


    Viele Grüße

    abeja

    ... P I L Z E ... können unterirdisch, "unterirdisch", oberirdisch oder "überirdisch" sein.  :S 




    Edited once, last by abeja ().

  • Bei dem fraglichen "clitocyboiden Pilz" habe ich am getrockneten Stück nochmal die Probe mit KOH gemacht, weil ich las: am Exsikkat und es könne ein paar Minuten dauern mit der Schwärzung (bei den Pilzen, wo das auftreten soll).

    Innerhalb von 3 Stunden nach Auftragen von KOH tut sich nichts, Geruch ist nun wieder gar keiner vorhanden, außer "alter, trockener Pilz".


    VG

    abeja

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  • Hallo Abeja,


    zum vermuteten Afterleistling kann ich leider so nichts sagen, aber bei dem Verdacht sollte man doch zumindest mal die Sporen angucken. Bei kleinen, globosen Sporen dürfte die Sachlage dann recht eindeutig sein, denn Clitocyben haben doch meist elliptische Sporen.

    Wenn sich sonst keiner findet, kann ich das auch mal nachprüfen.


    Grüße,


    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,

    danke für das Angebot, das ich gerne annehme.

    Ich möchte aber erst in den nächsten Tagen noch mal schauen, ob es noch Nachwuchs gegeben hat. Vielleicht sind manche Merkmale dann besser oder anders ausgeprägt.


    Viele Grüße

    abeja

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  • Hallo abeja,


    ich meine diese Art zu kennen, immer im Frühsommer, immer auf basischem Boden (meist Buchenwald), immer mit relativ entfernten, leistenähnlichen Lamellen und immer mit relativ breitem, umgebogenem Rand - und immer diese Assoziation etwas Pfifferlingsartiges zu haben.

    Einen Namen habe ich dafür nicht.

    Ich glaube dass der Pilz in Infundibulicybe gehört in die Verwandtschaft von I. gibba, aber das ist eher gefühlt als begründet.

    Ich denke, man sollte diesen Pilz mal sequenzieren um zu sehen, was das ist. Jedenfalls bin ich schon ab und an mal über den gestolpert, wenn auch selten.


    Nicht sehr hilfreich, ich weiß ....


    beste Grüße,

    Andreas

  • Hallo Andreas,

    das finde ich aber höchst interessant! :)


    Ich war noch mal vor Ort (auch wegen der Pfifferlinge - nun wogen 4 Stück schon 40 Gramm ...).

    Weiterhin gab es den ersten Röhrling (für mich) in diesem Jahr: ein Hainbuchen-Raufuß, Leccinellum pseudoscabrum ... unter Hainbuche ... natürlich madig - und sehr sehr viele Ockerbraune Trichterlinge, Infundibulicybe gibba.

    Und als ich die mir so anschaute, kam mir auch die Idee: Die sehen doch sehr, sehr ähnlich aus! ... Nicht, dass der "große Unbekannte" einfach nur ein etwas ungewöhnlicher Ockerbrauner Trichterling ist.

    Ein paar junge und ältere FK habe ich gepflückt, damit ich etwa zum Vergleichen habe.


    Die unbekannten Pilze konnte ich auch wiederfinden.

    Der große Pilz mit dem welligen Rand, den hatte ich am Freitag dort gelassen. Er lag immer noch da und sah überhaupt nicht verändert aus! Er war weder geschrumpft, noch geschimmelt oder gefault oder merklich gebräunt - und auch nicht aufgefressen, allerdings etwas madig.

    Daneben gab es zwei oder drei kleine Pilze mit ca. 2 cm Hutdurchmesser.


    Wenn man die beiden Arten nebeneinander fotografiert, sieht man doch einige Unterschiede.

    Beim Unbekannten ist die Huthaut im ausgewachsenen Zustand etwas dunkler und deutlich stärker strukturiert.

    Der Hutrand bleibt immer stärker nach innen gebogen und neigt zum Wellen, bei I.g. dann sehr glatt.


    Die Lamellen stehen beim Unbekannten deutlich weniger dicht, die Schneide ist aber ungefähr doppelt so dick wie bei I.gibba.

    Beide Arten können hier und da eine Gabelung haben.

    Die Lamellen sind beim Unbekannten per Daumendruck vom Grund ablösbar, bei I.gibba funktioniert das Ablösen nicht, mit "Gewalt" geht die Lamelle in unregelmäßigen Einzelteilen ab.


    Hut- und Stielfleisch neigen beim Unbekannten dazu, feucht etwas "glasig" an manchen Stellen zu sein.

    Das Fleisch von I.gibba war absolut homogen und rein weiß.


    Geruch:

    Nun war das Wetter trocken, letzter großer Regen am Freitag, danach höchstens mal einen Liter oder so.

    Beide Arten dufteten leicht. I. gibba riecht für mich ein bisschen wie Mönchskopf, nur etwas schwächer, eher würzig, nicht süßlich.

    Der unbekannte Pilz riecht auch ähnlich, aber eher süßlich, weniger würzig - aber das sind alles keine aufdringlichen Gerüche, keine Spur von Walderdbeer-Hubba-bubba.


    Vergleiche:

    links der Unbekannte (der ältere FK, ca. 6 cm Durchmesser) - rechts I. gibba


    Die Lamellen der älteren Pilze von Nahem, oben der Unbekannte - unten I.gibba



    Oberflächen der älteren Pilze - links der Unbekannte, rechts I. gibba


    Oberflächen von jüngeren Pilzen - links der Unbekannte, rechts I. gibba (viel ähnlicher als bei älteren Pilzen)


    Lamellen von jüngeren Pilzen - links der Unbekannte, rechts I. gibba (hier besonders gut die Unterschiede in der Dicke zu sehen)



    Schnitt durch jüngere Pilze - links der Unbekannte, rechts I. gibba



    Noch zum Fundort:

    Links der Baum ist die Rot-Eiche, im Hintergrund (ein paar Meter entfernt) von links nach rechts: 1 Kiefer und mehrere Fichten.

    Die Wiese ist etwas abschüssig, stark moosig und zurzeit stellenweise sehr nass. Es wirkt so, als würde knapp unter der Oberfläche Wasser den Hang hinunterfließen. In den Fahrspuren vorn steht noch etwas Wasser.



    Im Moment lasse ich einen neu gesammelten jungen Pilz sowie ein Lamellenstück von dem etwas wurmstichigen älteren Pilz trocknen.


    Viele Grüße

    abeja

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  • Hallo allerseits,

    wegen einer ITS-Sequenzierung des fraglichen Pilzes habe ich Irja Saar kontaktiert. Ich werde die Proben einschicken (mit allen relevanten Daten zu Fundort etc. und Material fürs dortige Fungarium, Bilder dazu sind auch gerne gesehen). Gesammeltes Material wird aber erst im Herbst ins Labor gegeben.

    Die Auswertung wird also erst in mehreren Monaten vorliegen, was ja kein Problem darstellt.


    Die von mir angedachte Aphroditeola können wir wohl auch ohne vorliegende Mikromerkmale "abhaken".

    Neben mangelndem Geruch, eventuell Standortproblemen und doch (meist) Abweichungen in Farbe und "Statur" ist mir bei der Internetrecherche noch ein weiteres Merkmal aufgefallen.

    In einem anderen Forum hat jemand seinen (eindeutigen) Fund mit KOH getestet. Die FK reagierten überall leuchtend orange! Das wird meines Wissens zwar in der Literatur nicht erwähnt - es wurde vielleicht noch nie probiert oder für relevant erachtet - aber das ist doch ein prima Hinweis. Bei meinen Pilzen tat sich da ja rein gar nichts.


    Andreas: Ich nehme an, du hattest damals von deinen so ähnlich aussehenden Funden mikroskopische Daten, die aber keine eindeutigen Schlüsse zuließen? Kannst du eventuell noch etwas zu der Sporenform sagen?


    VG

    abeja

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  • Sehr fleißiges Mycel!


    Was ich oben zu den Unterschieden bei der Lamellenablösbarkeit zwischen Infundibulicybe gibba und dem Unbekannten geschrieben habe, muss ich etwas revidieren. Je nach Alter, Feuchtigkeitsgehalt und wo man gerade ansetzt, ist das doch relativ ähnlich.


    Bei den Nachzüglern hier (die kleinen Pilze mit 1-1,5 cm Hutdurchmesser, die "großen" Pilze mit ca. 3 cm Hutdurchmesser) waren die Stiele der größeren Pilze sehr zäh-elastisch und trotzdem wattig innen, mit einer festeren "Außenschicht".






    Viele Grüße

    abeja

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