Pilze im Kindergarten

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  • Hallo zusammen,


    nachdem ich in der lokalen Presse als Pilzkenner interviewt wurde, gab es am Tag danach einige Nachfragen, unter anderem von einem Kindergarten. Die Pädagogen hatten dort Angst, dass sich die Kinder mit den Pilzen vergiften könnten, die dort im Garten vorkamen. Ich hab mir das dann angeschaut und alle beruhigen können. Meine Frage jetzt: Gibt es denn Vergiftungsfälle aus Kindergärten, die auf Pilzgenuss zurückzuführen sind?


    Grüßle
    Jürgen

  • Hallo zusammen,


    mal schauen, ob ich eine Antwort provozieren kann;-): Ich habe den leisen Verdacht, dass es sich bei "Pilz-Alarm" aus Kindergärten und vergleichbaren Institutionen überwiegend um harmlose Hysterie handeln könnte (meistens von Müttern iniziiert), und es wohl keinen belegten Fall für eine Pilzvergiftung gibt. Liege ich da richtig?


    Grüßle
    Jürgen

  • Hallo Jürgen,


    aus dem südbadischen Raum sind mir keine Vergiftungsfälle in Kindergärten bekannt.
    Letzte Woche hatte ich in einem Kindergarten den Fall einer besorgten Erzieherin, die meinte, im Fallschutzbereich einer Schaukel würden Pilze wachsen. Ich habe mir das dann mal angeschaut, und in der Tat: eine große Schar von Gymnopilus penetrans auf Holzhäckselmaterial. Also wohl kaum eine Gefahr für die Kinder.


    Ich würde Deiner Meinung zustimmen, daß da oft auch Hysterie im Spiel ist.


    Viele Grüße,
    Harald

  • Meine Nachbarin, Kinderpflegerin im Kindergarten, sammelt die frischen Fruchtkörper jeden Tag ab, bevor die Kinder in den Garten gelassen werden und entsorgt sie.

  • Hallo zusammen,


    vielen lieben Dank für die Tipps. Ich werde mal Dr. Siegmar Berndt auf diesen Thread aufmerksam machen und nachfragen. Ich empfahl der Kindergärtnerin auch, dass sie die Pilze vorsichtshalber absammeln soll (da waren Grünblättrige Schwefelköpfe dabei). Es wäre halt gut zu wissen, dass es z.B. keine solchen (dramatischen) Vergiftungsfälle gibt; dann könnte man beruhigen.


    Grüßle
    Jürgen

  • Guten Abend Jürgen, guten Abend Pilzfreunde,


    ich arbeite beruflich sehr intensiv mit Kindern. Ich unterscheide bei meiner Arbeit zwischen "keinen Fehler machen" einerseits und "das Richtige machen" andererseits.


    Wenn Erwachsene alle Pilze aus dem Umfeld von Kindern entfernen, dann machen sie bestimmt KEINEN FEHLER, der womöglich zu einem Vergiftungsfall führt - den ja nun einmal wirklich niemand will.


    Wenn Erwachsene andererseits Kindern bei solchen Gelegenheiten über die Existenz von Pilzen erzählen (wofür die gut sind), über den Umgang damit (roh soll man ja eh "keine" Pilze essen, man soll auch nur Pilze essen, die für den Verzehr geeignet sind - also ggf. Fachleute fragen .... kurzum, wenn Kinder im Kindergarten schon lernen dürfen, wie Menschen vernünftigerweise mit Pilzen umgehen, dann brauchen diese Erwachsenen nicht - aus Angst vor Vergiftungsfällen - Pilze im hier gemeinten Sinn entfernen.
    Die Erwachsenen müssen dann einerseits unterscheiden, welchen der (größeren) Kinder sie hierin bereits vertrauen können, welche Kinder sie dann nach solchen Unterrichten auch "unbeobachtet" spielen lassen können und welche der kleineren Kinder dies noch nicht erfassen können, die dann natürlich eine "umsichtigere" Beaufsichtigung brauchen.
    Ganz platt gesagt, stecken Kinder bis etwa 3 - 4 Jahre alles in den Mund! Auch Seife, Kloreiniger, kleine Perlen, Steine, Pilze, Stöcke, Geld, Katzenkacke, Rasierklingen, ...... da müssen die verantwortlichen Erwachsenen besonders aufpassen. Und ab etwa 5 - 6 Jahre sind Kinder großenteils sogar schon so einsichtig und vernünftig, dass sie manche Gefahren für ihre kleinen Geschwisterchen erfassen und Erwachsene ggf. alarmieren.
    Wenn Erwachsene also Kindern auch im Kindergarten von den vorhandenen Pilzen erzählen, ihnen erklären, wie man damit umgeht, Interesse der Kinder wecken, dann tun sie meiner Meinung nach DAS RICHTIGE. Das braucht Mut und Selbstvertrauen - als Gegengewicht zur Angst - und natürlich auch Umsicht (wenn grad Pilze wachsen, muss ich selbstverständlich aufmerksamer sein).


    Es gibt Waldkindergärten. Die spielen das ganze Jahr draußen im Wald. Die Erwachsenen gehen gewiss nicht durch den Wald und entfernen alle Pilze. Auch nicht nur die giftigen. Ich denke, die machen diesbezüglich einfach DAS RICHTIGE.


    Auf dem Gelände meines Arbeitsplatzes, ich arbeite wie gesagt sehr viel mit Kindern, zeigt sich grad eine Amanita muscaria. Wunderschön anzusehen. Einen Teufel werde ich tun, und den Fruchtkörper entfernen. Ich bewundere ihn zusammen mit den Kindern!


    Mit kinder- und pilz-freundlichen Grüßen,
    Usnea barbata

  • Hallo Usnea,


    Meine Tochter geht in einen Waldkindergarten hier im Dorf, die einen sehr entspannten Umgang mit Pilzen pflegen.
    Der hängt vor allem mit dem Kenntnisstand der Erzieher zusammen. Es gibt eine Erzieherin, die sich bestens auskennt mit Pilzen und sich mit den Kindern näher an die Pilze traut, als eine andere, die dann den Kindern aber auch nicht vermittelt, dass Pilze gefährliche Geschöpfe sind, sondern dass sie einfach nicht genug darüber weiß und dass man deswegen bei ihr Pilze eben nicht anfassen darf. Grundsätzlich ist das im Kindergarten den Kindern so auch bewusst.
    In ihren Waldgebieten gibt es viel grüne Knollenblätterpilze.
    Die unter Dreijährigen haben immer einen festen Ort im Wald, der genau das Gebiet hinter unserem Haus ist - dort wachsen immer Pilze rund um ihre Hütte und wenn dort jemand was absammelt, dann eher ich ;-). Es sind in der Waldzeit aber auch immer zwei Erzieher da, die die Kleinen, die sowas in den Mund nehmen, entsprechend beaufsichtigen können.
    Im Kindergartengelände selbst sammelt die pilzkundige Erzieherin morgens immer ab, weil man dort auch die ganz Kleinen oft nicht im Blick hat.
    Den Großen, die dann nachfragen, wird erklärt, dass die Kleinen ja nicht wissen, dass Pilze giftig sein können und man sie deshalb wegsuchen muss. Das stärkt die Großen in ihrer Verantwortung und festigt ihr Verantwortungsbewußtsein im Umgang mit Pilzen.
    Pilze gehören aber zum Herbst dazu und werden vorm Kindergarten ausgestellt wie Kürbisse oder Blätterketten.


    Mehr schützen als entspannte Aufklärung über die Gefahren, kann wohl nichts.


    Viele Grüße,
    Tanja

  • Ich bin aufgefordert worden, auf die Frage von Jürgen, ob überhaupt Pilzvergiftungsfälle in Kindergärten vorkommen, zu antworten: Ja, es gibt Berichte über leichte, aber auch sehr schwere Vergiftungen. Jeder Pilzberater und PSV kennt das Problem mit aufgeregten Müttern und Erzieherinnen, wenn Kleinkinder Pilze (wie viele?) roh gegessen oder nur in den Mund gesteckt haben, eine Frage, die oft offen bleibt.
    Eine Statistik über Pilzvergiftungen in Kindergärten, Kitas und Hausgärten gibt es nicht.
    Das Risiko einer schweren Vergiftung eines Kindes mit Pilzen ist klein, sollte aber nicht unterschätzt werden. Kleinkinder sind kritischer zu sehen als Erwachsene, da ihr Organismus empfindlicher reagiert. Eine für einen Erwachsenen ungefährliche gastrointestinale Symptomatik infolge Flüssigkeits- und Elektrolytverlustes nach Erbrechen und Durchfall, kann ein Kind rasch in eine bedrohliche Situation bringen.
    Für einen 2009 gehaltenen Vortrag habe ich meine eigenen Fälle aus 2006 bis 2008 zusammen gestellt: Unter 24 Ereignissen mit Kindern zwischen 11 Monaten und 7 Jahren, im Mittel 1,5 - 3 Jahre, waren 4 Kinder mit gastrointestinalen Beschwerden, ausgelöst durch Gesäte Tintling , Dünnschalige Kartoffelboviste und Heuschnittdüngerlinge und 1 Kind mit heftiger allergischer Reaktion, ebenfalls nach Gesäten Tintlingen.
    Eine sehr schwere Amanitinvergiftung meldete 2010 Frau Lotz-Winter : Einem 1,5 jährigen Mädchen hatte seine Mutter noch ein Stückchen eines Schirmpilzes (Lepiota, Sekt. Stenosporae) aus dem Mund entfernt, der von einer Gartenwiese stammte. Aber auch ältere Kinder kosten Pilze! Der PSV Horst Staub schrieb mir von einem 10 3/4 Jährigen, der ein kleines Stück vom Hutrand eines Grünen Knollenblätterpilzes, im Hausgarten gewachsen, abgebissen hatte. Diese geringe Menge, nach Herrn Staub nicht mehr als eine Messerspitze, verursachte einen Abfall der Blutgerinnungswerte, Anstieg von Bilirubin und Nierenwerten bei positivem Nachweis von Amanitin im Urin.
    Frau Rosemarie Kießling, PSV, berichtete über eine ungewöhnlich schwere Vergiftung aus den 1970er Jahren mit 5 Kindern, die zu früh in den Kindergarten gekommen, unbeaufsichtigt Gemeine Kartoffelboviste verzehrt hatten.
    Im Mai diesen Jahres meldete mir Frau Kießling, dass eine Kita in Bautzen, wie bereits vor 2 Jahren, wegen "Rauschpilzen" gesperrt wurde und 4 Kinder in ein Krankenhaus kamen.. Die PSV konnte Bittere Kiefernzapfenrüblinge und die Psilocybin haltigen Düngerlinge Panaeolus fimicola und P .sphinctrinus bestimmen.
    Erst vor wenigen Tagen brachte mir Kindergartenpersonal Hallimasch, Grünblättrige Schwefelköpfe und auf Rindenmulch gewachsene Gifthäublinge. Hier habe ich dringend zu täglichem Absammeln geraten.
    Weitere kritische Arten sind Risspilze, kleine weiße Trichterlinge, Nelkenschwindlinge (für Krabbelkinder), Blauverfärbende Kahlköpfe (in Ausbreitung auf Rindenmulch begriffen) u.a.


    Der zu Rate gezogene PSV kommt nicht umhin, die meist kleinen braunen Pilzchen gründlich zu untersuchen, auch wenn es sich überwiegend um unkritische Arten handelt


    Viele Pilzberater und -sachverständige bewegt die Frage, was im konkrteten Fall zu raten ist. Aus meiner eigenen Erfahrung mit seit Jahren unternommenen Waldspaziergängen mit Waldkindergartenkindern und jungen Schülern stimme ich mit den Ratschlägen von Tanja überein. Das richtige Vorgehen ist immer eine Frage der Aufsichtsmöglichkeiten und der Pilzkenntnissen der Erzieherinnen, dem Alter der Kinde rund den besonderen örtlichen Gegebenheiten. So rate ich auch, Rasenflächen auf denen siich Krabelkinder bewegen, die noch alles in den Mund nehmen, regelmäßig,mindestens einmal täglich, von Pilzen auch von unverdächtigen Arten, abzusammeln. Bitterer Geschmack hindert Kinder meistens nicht die Pilze zu essen.


    Um zu einer Statistik über Pilzvergiftungen in Kindergärten, Kitas und Hausgärten zu kommen, appelliere ich erneut an alle Pilzberater und PSV ihre Fälle, auch wenn nichts passiert ist, zu melden.

  • Hallo Siegmar,


    erstmal vielen herzlichen Dank von meiner Seite für deine umfassende Antwort. Nur noch eine Frage zur Präzisierung deiner Aussage:

    Um zu einer Statistik über Pilzvergiftungen in Kindergärten, Kitas und Hausgärten zu kommen, appelliere ich erneut an alle Pilzberater und PSV ihre Fälle, auch wenn nichts passiert ist, zu melden.

    Möchtest du, dass dir die Fälle direkt gemeldet werden oder im Zuge der PSV-Tätigkeit?


    Zu meiner Unkenntnis der Sachlage muß ich ich noch sagen, dass ich kein PSV bin und wenn allen PSV die Sachlage klar ist, erspar dir bitte die Antwort.


    LG, Jens

  • Hallo Tanja und Jens,


    bis zum Rücktritt des alten Präsidiums hat der damalige Beauftragte für PSV, Dieter Oberle, die Jahresberichte über Vergiftungen und weitere Aktivitäten der PSV entgegen genommen, vorbildlich ausgewertet und in den DGfM-Mitteilungen publiziert und kommentiert. Seine letzte Berichterstattung erschien in den Mitteilungen zur Z.Mykol. 77/2 für das Pilzjahr 2010.
    Auf Grund erneuten Wechsels im Amt des Beauftragten für PSV und des dadurch bedingten Interims, konnte diese auch für die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtige Aufgabe bisher nicht wieder aufgenommen werden, so dass ab 2011 keine Berichte mehr veröffentlicht worden sind.
    Trotzdem sollten Pilzberater und -sachverständige, unabhängig von einer Mitgliedschaft in der DGfM, ihre Daten über Beratungen, Aufklärung, Kliniktätigkeit und Öffentlichkeitsarbeit weiter sammeln und zum Jahresende an den Beauftragten für PSV, z.Zt. Peter Keth, schicken. Hierfür steht ein Formblatt der DGfM: Pilzberatung/Pilzaufklärung, Stand 2011 zur Verfügung.


    Ich selbst bitte unabhängig von diesen Berichten mir weiterhin zeitnah und formlos schwere und ungewöhnliche Vergiftungs- und Beratungsfälle zu melden. Weiter bitte ich um die Meldung auch leichterer Pilzvergiftungen in Kindergärten, Kitas, Schulen und Hausgärten, die ebenfalls formlos erfolgen können.


    Mit freundlichem Gruß


    Siegmar Berndt

  • Hallo usvnea barbata,


    Deine, und auch Tanjas Gedanken dazu gefallen mir sehr, ich befürchte nur, dass die meisten Mütter (und Väter auch) eher das "keine Fehler machen" bevorzugen, und es sehr viel Überzeugungskraft braucht, für "das Richtigmachen" zu werben. So ein paar Pilze sind schnell abgesammelt, und man spart sich weitere Aufklärung. Lässt man die Pilze als Teil der Natur zu, gibt es immer jemanden, der für einen Schadensfall haftbar gemacht werden kann, oft derjenige, der das "Richtigmachen" propagieren wollte ... was natürlich tragisch ist.


    Grüßle
    Jürgen



    ich arbeite beruflich sehr intensiv mit Kindern. Ich unterscheide bei meiner Arbeit zwischen "keinen Fehler machen" einerseits und "das Richtige machen" andererseits.