Posts by Wolfgang Prüfert

    Hallo an alle,


    Frau Dr. Bräuer war so nett, mir den Link zur finalen Version der US-Behörden zu schicken - ich hatte eine vorläufige Version gegoogelt.

    In der finalen Version wird der BMDL10 mit 0,43 mg/kg Körpergewicht/Tag angegeben.


    Gleichzeitig hat sie mich darauf hingewiesen, dass der MoE-Faktor von 10.000 eine von der EFSA festgelegte Konstante und nicht im Einzelfall zu verhandeln oder zu vernachlässigen ist.


    Ich wollte in meinem ersten Schluss aber nicht ausdrücken "weil wir es nicht besser wissen, ist es heute egal ob wir 90 g oder 900 kg verzehren". Das wäre in der Tat eine Negierung von unbekannten Risiken, die ich so nicht gemeint habe. Die Spanne von 90 g zu 900 kg sollte nur das Maß unseres Unwissens plastisch verdeutlichen.



    Grüße,


    Wolfgang



    Lactarius : Zum Hanta-Virus fehlen uns selbst noch einige Hintergrund-Informationen. Das wird noch einige Zeit dauern.

    Hallo an alle,


    derzeit wird in verschiedenen sozialen Medien der folgende Artikel zu Arsen im Schwarzblauenden Röhrling diskutiert:


    Simone Bräuer et al.: Arsenic hyperaccumulation and speciation in the edible ink stain bolete (Cyanoboletus pulverulentus). Food Chemistry 242: 225-231


    Mein Dank geht an Christoph Hahn, der den Artikel gefunden und in der Pilz-Szene bekannt gemacht hat.



    In der Zusammenfassung kommen die Autoren zum Ergebnis:


    "Aufgrund des krebserregenden Potentials empfehlen wir keinen Verzehr von mehr als 90 g pro Jahr".


    Solche Empfehlungen muss man nachvollziehen, um sie einordnen zu können. Deswegen habe ich mich heute mal durch einiges an Literatur zu dem Thema gewühlt, um für mich persönlich zu einer Einschätzung zu kommen.



    Folgende Fakten sind für mich relevant:


    • Arsen ist nicht gleich Arsen. Anorganisches Arsenoxid ist weitaus giftiger und krebserregender als organische Arsenverbindungen. Bei letzteren muss man zwischen ungiftigem Arsenobetain und umstrittener Dimethylarsinsäure ( DMA) unterscheiden. Säugetiere scheiden Arsen in Form von DMA über den Urin aus.
    • Cyanoboletus reichert das Arsen in Form von DMA an. Der Median lag bei 160 mg/kg Trockenmasse, was etwa 12 mg/kg im Frischpilz entspricht. Die Pilze der Studie stammen überwiegend aus Tschechien, von nicht besonders belasteten Böden.
    • DMA ist in diesen Mengen nicht akut giftig. Es ist im Tierversuch nach 2 Jahren Dauerbelastung ein schwaches Karzinogen für Ratten (Blasenkrebs), aber nicht für Mäuse. Die karzinogene Wirkung auf Menschen ist unbekannt.
    • Die Haupt-Belastung an (anorganischem) Arsen nimmt der Mensch über Getreide, besonders Reis zu sich.
    • Speise-Algen sind mit Werten bis 102 mg/kg (im Median 24 mg/kg Frischmasse) vergleichbar mit organischem Arsen belastet wie Cyanoboletus. Sie enthalten Arsenozucker, die im Körper zu DMA umgewandelt werden. Als Sonderfall gilt die Alge "Hijiki", die mit bis zu 100 mg/kg anorganischem Arsen noch viel gefährlicher belastet ist und in Hongkong nicht mehr für den Verzehr empfohlen wird.
    • Auch Muscheln, Krustentiere und Meeresfische enthalten viel organisches Arsen, aber meist in Form von Arsenobetain, das leicht vom Körper ausgeschieden werden kann und daher nicht als gefährlich gilt.
    • Trotz der hohen Arsen-Belastung aus Algen, die in Ostasien mit bis zu 20 g/Tag verzehrt werden, ist Blasenkrebs dort nicht häufiger als in Europa.


    • Krebs kennt keine festen Grenzwerte, sondern nur Wahrscheinlichkeiten. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, wird die "Margin of Exposure" (MoE)- Ansatz angewendet, um zu standardisierten Grenzwert-Empfehlungen zu kommen.
      Als messbare Größe wird die Dosis ermittelt, die mit 95%iger Konfidenz bei 10% der Versuchstiere Krebs auslöst (Benchmark Dose Lower Bound 10, BMDL10). Dieser Wert wird durch einen Unsicherheitsfaktor von 10.000 geteilt, um den empfohlenen Grenzwert zu berechnen.
    • Für DMA hat die US-Umweltbehörde 2005 laut Bräuer et al. einen BMDL10 von 0,43 mg/kg Körpergewicht/Tag abgeleitet. Nach der MoE-Methode errechnet sich daraus für mich nachvollziehbar der in der Studie empfohlene Grenzwert von 90 g Schwarzblauen Röhrlingen pro Jahr für eine Person mit 70 kg Körpergewicht.


    • Den BMDL10 finde ich in der Original-Publikation der US-Behörde jedoch nicht wieder, vielmehr finde ich einen BMDL1 (1% !) von 0,07 mg/kg Körpergewicht/Tag. Hier besteht für mich Klärungsbedarf.


    Meine ganz persönlichen Schlüsse daraus (durchaus etwas provokativ):


    • Wenn man ehrlich ist, wissen wir einfach nicht genug, um das Risiko beim Verzehr von Schwarzblauen Röhrlingen abschätzen zu können. Der MoE-Unsicherheitsfaktor von 10.000 bedeutet ja konkret, dass vermutlich irgendein Wert zwischen 90 g/Jahr und 900 kg/Jahr vertretbar ist. Das würde für Pilzsammler schon einen relevanten Unterschied machen. Zudem besteht vermutlich kein linearer Zusammenhang zwischen Ursache (DMA-Konzentration) und Wirkung (insb. Blasenkrebs).
    • Aus einer statistischen Risikogröße für die Gesamtbevölkerung lässt sich nicht 1:1 eine individuelle Handlungsempfehlung ableiten. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) empfiehlt z.B. aufgrund des Arsengehaltes, bei Kleinkindern den Verzehr von Reiswaffeln zu beschränken. Was bleibt denen denn noch zum Knabbern? Eltern von Kleinkindern werden jetzt wissen, was ich meine...
    • Der Vergleich mit Algen gibt mir Hoffnung, dass DMA in kleiner Dosis von Menschen gut vertragen wird. Wer jetzt seinen Konsum von Schwarzblauenden Röhrlingen auf 90 g/Jahr beschränkt, sollte sicherheitshalber auch seinen Sushi-Konsum auf eine ähnliche Größenordnung einschränken.
    • Wer mehr als 90 g/Jahr Schwarzblauende Röhrlinge isst, sondern z.B. 3 kg/Jahr (MoE=300), würde von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit vermutlich in der Risikogruppe von "Konsumenten mit erhöhter Arsen-Belastung" geführt, genauso wie die "Viel-Konsumenten von Reis, z.B. bestimmte ethnische Gruppen". Er würde sich damit in der guten Gesellschaft eines großen Teils der Weltbevölkerung befinden.

    Viele Grüße,


    Wolfgang

    Hallo an alle Täublingsfreunde,


    wie heute per E-Mail angekündigt, plant der Anatis Verlag die Herausgabe des Täublingsbuches von Helga Marxmüller als CD, weil das Print-Werk vergriffen ist:


    " Sie wird den kompletten Inhalt der beiden Bände des Werkes mit einer Reihe von Ergänzungen enthalten. Beigefügt sein wird z.B. ein auf die einzelnen Arten führender Bestimmungsschlüssel samt Register von Andreas Bresinsky. Von den dort genannten Arten führen Links interaktiv auf schnelle und einfache Weise zu den Farbtafeln und Beschreibungen des Buches und wieder zurück. Weitere Details: 8 Addenda mit Farbtafeln und Beschreibung neben einer kleinen Liste der Errata et Corrigenda zum vergriffenen Druckwerk. Als Beilage zur CD mitgeliefert wird ein hochwertiger Druck einer Sporenstaubfarbtafel, die für die Artbestimmung der Russulae notwendig ist. Die Auflagenhöhe wird aufgrund der Nachfrage festgesetzt.


    Der Suskriptionspreis von 25 Euro ist gültig bis 15.Mai 2019 (Vorkassenzahlung), danach beträgt der Kaufpreis 35 Euro.

    Auslieferungstermin: ca. 15. Mai 2019

    Bestellungen über den Anatis Verlag, Helga Marxmüller, München via email: anatis.verlag@gmail.com
    "

    Hallo Veronika,


    Willkommen zurück!


    Das unter dem Avatar ist Dein Benutzername. Den kannst Du unter "Benutzerkonto --> Verwaltung" ändern, aber nicht so oft.

    Im Übrigen ist mittlerweile Andreas Kunze unser Webmaster und Foren-Admin.


    Grüße,


    Wolfgang

    Hallo Adola,


    diese Exemplare solltest Du m.E. nicht mehr essen. Unabhängig von der häufigen Unverträglichkeit und der Roh-Giftigkeit bei Hallimasch zeigst Du "uralte Schlappen", die Dir noch eine Lebensmittelvergiftung obendrauf bescheren könnten.


    Gruß,


    Wolfgang

    Hallo abeja,

    Die Fruchtkörper sind inzwischen stark gedunkelt, die Schneiden sind fast schwarz:


    Die Cheiloystiden von Deinem Pilz sind flaschenförmig bis unregelmäßig zylindrisch und ohne Kristalle (hier im Phasenkonstrast, weil man sie in Wasser fast nicht sieht):



    Die Sporen sind asymetrisch ellipsoid, 6-9 x 3-4 my, wobei sich die bei den in Frage kommenden Arten kaum unterscheiden.




    Mit dem Schlüssel in der Flora Neerlandica komme ich damit glatt zu Leucoagaricus sericifer, dem Bräunenden Seidenschirmling, den wir auch in Möhnesee hatten. Der scheint ein gutes Jahr zu haben...


    Grüße,


    Wolfgang

    Hallo abeja,


    erstmal vielen Dank für diese tollen Pilzfunde!


    Beim letzten Pilz bist Du m.E. in der ehemaligen Gattung Sericeomyces (heute Sektion von Leucoagaricus) auf jeden Fall richtig.


    Wir hatten bei der Tagung in Möhnesee auch so einen Fund, ebenfalls vergesellschaftet mit Cystolepiota, und da waren auch so kleine Fruchtkörper mit 10 mm Hutdurchmesser dabei.


    Innerhalb der Sektion wird normalerweise nach Form und Kristall-Auflagerung der Cheilocystiden unterschieden. Unser Fund in Möhnesee hat deutlich gebräunt, und wir kamen wir bei A. sericifer 'raus, aber ich weiß nicht, wie konstant das Merkmal des Bräunens ist. Dann gibt es noch crystallifer, eine schmächtige Art mit mehr keuligen Cheilocystiden mit grobem Kristallbesatz.


    Ich fürchte, ohne Mikros der Cystiden wird Dein Fund keinen sicheren Namen bekommen.


    Liebe Grüße,


    Wolfgang

    Hallo Matthias,

    erstmal ein Willkommen im Forum.


    Ich finde sordidulum einen plausiblen Arbeitsnamen für Deinen Fund, zumal die Art ja nicht selten ist.


    Wie so oft bei Entoloma gibt es aber ähnliche Arten (die ich nicht alle schon gesehen habe), und die Unterscheidung verlangt neben den Merkmalen des feuchten Hutes (durchscheinende Riefung, Farbe) auch die Pigmentierung der Huthaut.


    Letzteres ist bei so hellen Arten wirklich eine besondere Herausforderung, und da kann es sein, dass Dein "ausrangiertes Schulmikroskop" an seine technische Leistungsfähigkeit stößt. Das Bild der Huthaut wirkt so, als sei die Blende etwas zu weit geschlossen und schiefe Beleuchtung (Kondensor nicht zentriert)? Wenn der Hintergrund auch noch nicht weiß ist, lässt sich zur Pigmentierung nichts aussagen.


    Ich würde an Deiner Stelle die Bestimmung als "cf. sordidulum" und als Erfolg verbuchen, und mir bei Gelegenheit von einem Mikroskopiker helfen lassen, ob man noch 'was aus dem Gerät herausholen kann.


    Grüße,


    Wolfgang

    Hallo Andreas,
    Erstens bin ich als Mitglied des FA Tox hier präsent, zweitens lesen mehrere weitere Personen aus dem FA regelmäßig mit.


    Zur sorgfältigen Arbeitsweise des FA Tox gehört es, nur final abgestimmte Ergebnisse nach außen zu tragen. Das kann Monate dauern. In diesem Forum werden ja im Moment eher stündlich Beiträge gepostet.


    Was mich ja einerseits freut ( ich hätte mir seit Jahren ein so aktives Forum gewünscht ), andererseits stresst bis zu psychosomatischen Schmerzen von dem ganzen Hass und Häme ( auch wenn die Diskussion streckenweise auch konstruktiv und notwendig war) . Ich kann es mittlerweile niemandem in Verantwortung mehr verübeln, der sich das nicht antun will.


    Grüße,
    Wolfgang

    Quote from Peter

    Für mich ist die qualitativ hochwertige Ausbildung zum PSV eine der Kernaufgaben der DGfM. Sie abzuschaffen, wie es die vom Präsidium verabschiedete neue Richtlinie vorsieht, verstößt nicht nur gegen die Satzung sondern verändert die DGfM nachhaltig.


    Hallo Peter,


    ich würde Dir gar nicht widersprechen, dass (freiwillige) Bildungsangebote für werdende PSV gut in das Portfolio der DGfM passen.


    Allerdings kann ich mich in meiner aktiven Zeit (also etwa seit Mitte der 90er) an kein einziges derartiges Angebot erinnern, außer den F-Kursen der Ausbildungsstätten. Der Beitrag "der DGfM" dazu, im Sinne eines Handelns eines offiziellen Gremiums, hat sich nach meiner Sicht bisher auf die Anerkennung der Ausbildungsstätte beschränkt.


    Daher würde ich gerne verstehen, woran Du die "nachhaltige Veränderung der DGfM" festmachst und worin sie nach Deiner Ansicht besteht.


    Nicht wiederholen musst Du die vielfach geäußerten und m.E. berechtigten Kritikpunkte am zurzeit mangelhaft definierten Zielbild des PSV-Niveaus.


    Danke und Grüße,
    Wolfgang

    Hallo an alle,


    Danke für den Hinweis.


    Im Sinne der FA Tox-Vorgehensweise sollten wir tatsächlich die Positivliste auf fulva, crocea und den vaginata-Komplex aufdröseln und die seltenen Arten außen vor lassen.


    Beim submembranacea-Komplex wüsste ich schon nicht, ob genug Verzehr-Erfahrungen vorliegen. Christoph, wie siehst Du das ??


    Es gibt immer was zu tun...


    Grüße
    Wolfgang