Inocybe coelestinum – real gewordenes "Phantom"

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There are 12 replies in this Thread. The last Post () by Christoph.

  • Inocybe coelestinum – real gewordenes Phantom


    Eines meiner „Highlights“ aus 2012 war ein Fund aus dem Großraum Garmisch-Partenkirchen, den ich gleich zu erkennen meinte, allerdings mit ungläubigem Staunen ("den gibt's wirklich!"). Denn es war eine der Arten, an deren Existenz ich nicht so recht glauben wollte.


    Bis dahin (Juli 2012) hatte ich Inocybe coelestinum nur aus der Literatur gekannt – und lange für ein „Phantom“ gehalten. Was sollte das auch sein, eine Art, die sich nur durch engstehende Lamellen von I. corydalina unterscheidet? Zudem gibt es kaum Fundmeldungen.


    Der hier dargestellte Fund erinnerte wegen der Hutstruktur zunächst eher an I. melanopus als an I. corydalina, grüne Farbtöne in der Hutmitte zeigte nur ein Teil der Fruchtkörper. Die Kollektion begegnete mir am Eibsee, auf dem Weg zum Parkplatz und bescherte meiner Familie eine Wartezeit. Das Schwammerl hatte mich in seinen Bann gezogen und ich musste das letzte Abendlicht nutzen, um noch einigermaßen brauchbare Fotos zu erhalten.


    Der Hauptunterschied zwischen den beiden Arten ist tatsächlich vor allem makroskopischer Natur. In der Mikroskopie und beim Geruch waren keine signifikanten Differenzen zu finden. Haupt-Unterscheidungsmerkmale für I. coelestinum (gegenüber I. corydalina):


    - Hutoberfläche blass, recht grob faserig-feinschuppig


    - Lamellen sehr engstehend


    - Vorkommen bei Picea (was bei corydalina nur ausnahmsweise möglich sein soll)


    Das ganze Erscheinungsbild ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, dass es etwas Eigenes ist. Inwieweit dies durch DNA-Analysen abgesichert ist, ist mir nicht bekannt. Zum Vergleich füge ich auch ein Foto von I. corydalina bei.


    Gruß


    Helmut

  • Servus Helmut,


    hoffentlich habe ich dieses Teil nicht übersehen in meinen Revieren. Bis jetzt war mir nicht mal bewusst, dass es I. coelestium überhaupt gibt. Kommende Saison werde ich die Augen aufhalten.


    Ein ähnlicher Fall ist I. incarnata, die ja auch zu diesem Verwandtschaftskomplex gehört. Ich weiß gar nicht mehr, wer mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass es Riesentrümmer von I .fraudans gibt, die eine eigene Art sind. In der Funga Nordica ist zu lesen, dass die beiden Arten sich genetisch unterscheiden.


    Letzte Saison habe ich zum ersten Mal darauf geachtet und prompt solche "Monster"-Geräte in einem Kalk-Buchenwald gefunden:





    Funddaten: 05.08.2012; Fundort: MTB 7934-3-1-2, 590 m; D-By-Leutstetten, Weiherbuchet (auf würmeiszeitlichen Schottern, Kalkgebiet), im Buchenwald (Naturwaldreservat); im Buchenjungwald; gesellig (fast ganzer Hexenring);
    Hut: 5-10 cm breit (!), kegelig bis flach gewölbt, bei großen Exemplaren Rand etwas aufgeschlagen, Rand jung stark eingerollt, ohne Cortina; Oberfläche extrem variabel, teils fast glatt und cremefarben, teils braun faserig oder faserschuppig (aber immer anliegend), vor allem am Scheitel braun; Stiel: bis 10,5 x 1,5 cm, basal deutlich keulig verdickt, komplett stricksockenartig, feinflockig genattert, cremeweiß, auf Druck erst stark rötend (vor allem an der Basis),dann bräunend; Lamellen: aufsteigend und schmal angewachsen, gedrängt, schmal, jung cremegrau, später graubraun, auf Druck rötlichbraun verfärbend; Schneiden konvex und weißflockig; Fleisch: im Hut weiß, im Stiel cremeweiß; Geruch: aufdringlich süßlich parfümiert, mit eher unangenehmer seifiger Komponente; Mikromerkmale vom Exsikkat: Pleurozystiden: fusoid, dickwandig, schwach beschopft; Cheilozystiden eher schütter, mit mittelgroßen Parazystiden durchsetzt; Sporen: amygdaloid, Apex meist konisch und spitz, seltener auch subkonisch bis abgerundet, Maße: 9,0 x 5,5 (8,5-9,5 x 5-6), Q=1,63;


    Grüße


    Hias

  • Servus Hias,


    das interessante Schwammerl wäre einen eigenen Thread wert gewesen!


    Habe gleich mal meine Fotos durchgesehen, dabei aber festgestellt, dass ich noch nicht mal gute Fotos von fraudans habe.


    Neben der Größe soll I. incarnata auch stärker röten an Verletzungsstellen. Das passt ja auch bei Deinem Fund.


    Gruß


    Helmut

  • Hallo Helmut,


    Dein Posting hat mich veranlasst, meine I. corydalina durchzugehen und staunte nicht schlecht, dass ich
    sofort auf einen Fund stieß, der ebenfalls ziemlich gut zu Inocybe coelestium
    passt. Den hatte ich damals (1996) unter cf. corydalina abgelegt. Coelestium kannte
    ich damals noch nicht. Kein Wunder, denn Stangl und Kuyper hatte ich mir um
    diese Zeit erst zugelegt, was dann auch der Anstoß war, mich intensiver mit
    dieser Gattung zu befassen. Leider habe ich kein Bild davon, aber den Beleg und
    eine ausführliche Beschreibung.


    Als trennende Merkmale
    werden kleinere Basidiocarpien, ein mehr schuppiger Hut und sehr engstehende,
    schmale Lamellen angegeben. Insgesamt
    entsteht dadurch ein anderes Erscheinungsbild als das von einer typischen I.
    corydalina. Die einzelnen Unterschiede sind dagegen wenig überzeugend und
    wackelig zur Abgrenzung einer eigenen Art, da es sich vor allem (m.E. zumindest bei Risspilzen) um ± variable
    Merkmale handelt. Enderle (1995) beschreibt z.B. die Hutbedeckung: „Mitte ± glatt,
    nach außen fein anliegend rauh befasert“. Die sehr engstehenden Lamellen
    relativieren sich auch durch die angegebene Lamellenanzahl (Kuyper 1986). Die
    geringere Lamellenbreite ist proportional zur angegeben Fruchtkörpergröße und
    demzufolge nicht nennenswert unterschiedlich. Es überrascht, dass Kuyper, dem eine sehr
    breite Artauffassung bescheinigt werden kann, die Abgrenzung auf Artebene vorgenommen
    hat. Auf das Ergebnis der DNA bin ich auch gespannt.


    Überraschend, mein Fundort liegt
    nur ca. 20 km von deinem entfernt. Das Habitat war das gleiche. Deine
    Anmerkung, dass I. haemacta nur selten bei Fichten zu finden ist, kann ich
    bestätigen. Allerdings spricht hier die Literatur eine andere Sprache.


    Dein Fund passt sehr zur Abb. in der ZfM 1985.


    Gruß Andreas

  • Hallo,


    Inocybe fraudans kommt in unseren Kalk-Buchenwäldern in großen Mengn vor. Letztes Jahr zur Russulales-Tagung Ende August war er bei dem damaligen schlechten Pilzaufkommen ein wahrer Massenpilz in den Wäldern des Dün, zusammen übrigens mit Inocybe corydalina und einigen Arten von Lactarius sect. Plinthogali, allen voran Lactarius ruginosus. Wenn man sich diese Variationsbreite anschaut, dann müssen also im gleichen Wald gleichzeitig I. fraudans und I. incarnata in etwa gleich großen Mengen vorkommen. Einerseits recht kleine schmächtige Dinger, etwa so wie in Pilze der Schweiz abgebildet, dann wieder welche im Habitus von I. corydalina, bis hin zu den ritterlingsartigen großen mit Hutdurchmesser bis 14 cm!. Manche weißlich, so dass man gar nicht so genau weiß, ob es denn corydalina oder fraudans wäre wenn das Röten es nicht verraten würde, dann wieder gelbliche, glatthütig oder grob schuppig aufbrechend bis hin zu bräunlichen (gebräunten?). Je heller die Fruchtkörper desto deutlicher das Röten.
    Ich halte nichts von I. incarnata ....


    Andreas Vesper :
    Du meintest bestimmt Inocybe corydalina als selten im Fichtenwald, nicht I. haemacta, oder? Bei I. haemacta würde mich interessieren, ob die jemand schon mal gesichert gefunden hat ohne dass Corylus in der Nähe war.


    beste Grüße,
    Andreas

  • Hallo ihr,
    also ich finde die vereinten Unterschiede zu corydalina eigentlich nicht so wenig: die geringe Hutgröße wird bei allen, die sich damit befassten, betont (und wenn man sieht, was für Trümmer corydalina manchmal sind, ist das schon bemerkenswert), dann die Hutbeschaffenheit, die Kuyper ja als "squamulose-subsquarrose" in seiner Erstbeschreibung charakterisiert, was man von corydalina ja wirklich nur bedingt behaupten kann, dann das nicht-rötende Fleisch und die sehr eng stehenden Lamellen sowie ein anderer Geruch - das ist doch schon ziemlich viel. Auch scheinen die Zystiden dickwandiger zu sein.
    Bernd hat die einschlägigen Datenbanken gecheckt, coelestium ist noch nicht sequenziert worden. Wenn du also möchtest, Helmut, kannst du uns ein Exsikkat schicken, damit wir es demnächst mal analysieren lassen (es müsste ein möglichst junger Fruchtkörper sein, der natürlich keine Würmer innen hatte). Von einer eigenen sicheren corydalina haben wir schon eine gute Sequenz zum Vergleich, die zudem mit anderen identisch ist. Kannst es dir ja überlegen.


    @ Andreas Gminder: Ich hab letztes Jahr eine haemacta von Gerhard Wölfel bekommen. Er meinte, da sei keine Hasel in der Nähe gewesen.


    Liebe Grüße in die Runde - auch im Namen von Bernd
    Ditte

  • Hallo alle,


    I. fraudans ist auch in den oberbayerischen Kalkwäldern ein Massenpilz, im Fichtenwald im Gebirge genauso wie bei Buche im Flachland. Auf die Größenverhältnisse hatte ich bislang nicht so sehr geachtet. Aber natürlich ist es unbefriedigend, wenn sich zwei angebliche Arten nur duch molekulare Analysen unterscheiden lassen. Ich weiß nicht, welche Studie den Aussagen zu I. incarnata von Jacobsson/Larsson in der Funga Nordica zugrunde liegt.


    Andreas : Was mich interessieren würde: Wächst L. ruginosus bei euch zusammen mit L. pterosporus und kannst du sie makroskopisch einigermaßen problemlos auseinanderhalten? Die Plinthogali in meinen oberbayerischen Hausbuchenwäldern haben meist recht eng stehende Lamellen und riechen durch die Bank nach Kokos - ich habe sie bisher immer als L. pterosporus angesprochen.


    Grüße


    Hias

  • Servus Ditte,


    das Angebot zum Sequenzieren nehme ich gerne an! Es sind auch ganz junge Frk. im Beleg dabei. Vielleicht kommt ja auch noch die eine oder andere Art dazu, die dafür geeignet wäre :D .


    @ Andreas Gminder: Bei meinen haemacta Kollektionen hatte ich eher Buche und Hainbuche, in zwei Fällen auch Linde (einmal mit Birke) notiert. Eine Hasel könnte man schon mal übersehen, aber so oft halte ich für unwahrscheinlich.


    Gruß


    Helmut

  • Ich habe als Begleitflora bei meinen Haemacta Funddaten einmal Hasel (zusammen mit Hainbuche) notiert. Weitere Angaben (nicht alles eigene Funde): allgem. Laubbäume,
    Aegopodium podagraria (Giersch), Birke, Weide und Eiche.
    Gruß Andreas

  • Hallo Hias,


    ich hab zwar keine Ahnung von Rißpilzen, aber einen sicheren Standort von Lactarius ruginosus kenne ich. Ich erkenne ihn dort am gerippten Hutrand und auch an den weiter stehenden Lamellen. Ich habe mal zwei Fotos angehängt, ob die nach Kokos riechen kann ich nicht sagen, da müßte ich nochmal dran schnuppern. Ansonsten tu ich mir aber auch mit den Dingern schwer, ich hab einige Kollektionen, die unbestimmt blieben, Deinen Tipp mit dem Kokosgeruch bei L. pterosporus werde ich mal verfolgen. Ich weiß nicht wie selten L. ruginosus ist, vermute aber, dass er nicht so wahnsinnig häufig ist, ich kenne nur diesen einen Standort.


    liebe Grüße


    Birgit

  • Lieber Helmut und andere Interessierte:
    also die coelestium ist inzwischen sequenziert, und ich kann von Bernd, der sich die Sequenz angeschaut hat, vermelden, dass es sich - wie vermutet - um eine von corydalina verschiedene eigene Art handelt!
    In der GenBank ist sie nicht vertreten. Ich hatte sowieso - nachdem ich sie mikroskopiert hatte - noch schreiben wollen, dass mir die Zystiden sehr verschieden von denen von corydalina vorkommen, und zwar schon recht anders, als sie bei Kuyper abgebildet sind.
    Liebe Grüße
    Ditte

  • Servus Ditte,


    das ging aber doch recht schnell! Schön, dass der morphologische Eindruck auch molekular bestätigt wurde. Wenn Andreas Vesper auch schon einen (vermutlichen) Fund in der selben Region hatte, ist die Art vielleicht doch nicht ganz so selten und wurde evt. ab und zu für I. corydalina gehalten. Hier noch eine Studio-Aufnahme und eine Ausschnitt-Vergrößerung.


    Die Mikroskopie werde ich mir zeichnerisch noch vornehmen.


    Winterliche Grüße


    Helmut

  • Hallo zusammen,


    ich kann nur sagen: Wow! Ein tolles Thema und dann auch noch durch Sequenzierung und Mikromerkmale (Cystidenform) abgesichert! Es wäre toll, wenn daraus vielleicht ein Artikel werden würde. Ich würde den Thread auch im Forum der Bayerischen Mykolgischen Gesellschaft verlinken (als Kartierungsaufruf, bei I. corydalina u.A. auf dichtstehende Lamellen zu achten), wenn die Pilzsaison los geht...


    LG
    Christoph